Die Entstehung und Entwicklung der Methode
Die Behandlungsweise einer „Massage reflektorischer Zonen im Bindegewebe“ wurde bei mir bei eigener Krankheit gefunden.

1929 litt ich an schweren Durchblutungsstörungen des rechtes Beines. Unter den Zeichen einer Allgemeininfektion, ausgehend von Zahnwurzelvereiterungen, hatte sich an der unteren Gliedmasse eine Endarthritiis obliterans ausgebildet.
Das rechte Bein war eiskalt, die Färbung grauweiss, die Zehen waren wie von Ringen eingeschnürt, sie standen zum Teil unmittelbar vor einer Nekrose. Die Arteria dorsalis pedis war nicht mehr fühlbar. Man sprach ärztlicherseits zu mir von der Notwendigkeit einer Amputation als der letzten Möglichkeit einer Behandlung.

Unter diesen bedrückenden Aussichten versuchte ich, nach 5 Monate langem Liegen, mit selbst eine Erleichterung der begleitenden heftigen Rückeschmerzen zu verschaffen (seit 2 Jahren war ich als Krankengymnastin tätig). Ich tastete aus der Seitenlage über Kreuzbein und Beckenkamm ein verdichtetes „infiltriertes“ Gewebe und eine gegenüber links erhöhte Spannung der Haut und der Unterhautpartien. Ich versuchte, die Spannung durch ziehende Striche zu verteilen; an diesen Stellen bestand eine Überempfindlichkeit; das einfache Steichen mit der Fingerkuppe bewirkte grosse Schmerzhaftigkeit. Die Spannung wich jedoch allmählich; die Rückenschmerzen schwanden unter den lösenden Strichen zusehends, ein starkes Wärmegefühl setzte ein. Nach einigen Versuchen spürte ich anhaltende Linderung der Beschwerden.

Es setzten nun ein Kribbeln und Stechen im kranken Bein bis zur Sohle ein, abwechselnd mit Wärmewellen. Das Bein besserte sich stetig. – Danach bezog ich auch die Regionen über dem rechten Trochanter und dem seitlichen Oberschenkel (Tractus iliotibialis) in die Strichführung mit ein. Dort bestand eine auffallende „Verhaftung“ der Haut und des Unterhautgewebes. Nach der Behandlung wurden die Venen des Oberschenkels wieder sichtbar, sie füllten sich spontan mit Blut.
Im Verlaufe eines Vierteljahres bildeten sich die schweren Krankheitserscheinungen vollkommen zurück. Die Behandlung wurde über längere Zeit von einer Kollegin fortgeführt; meine Tätigkeit als Krankengymnastin konnte ich nach einem Jahr wieder voll ausüben.

Aus den Erfahrungen dieser Erkrankung entwickelte sich allmählich eine systematisch aufgebaute Behandlungsmethode. Im Verlauf der vorangegangenen Allgemeininfektion hatten sich ausserdem eine Reihe schwerer Störungen an den inneren Organen eingestellt; eine chronische Gastritis, eine entzündliche Leberschwellung, angiöse Beschwerden des Herzens, zuletzt eine Nierenkolik. Alle diese organischen und funktionellen Störungen konnte ich mit Erfolg durch die neugefundene Behandlungsweise beheben.
Die Magenbeschwerden sowie die Beschwerden in der Herzgegend, die von Atemnot und starken Beklemmungen begleitet waren, liessen unter der Behandlung nach. Die Nierenkolik, bei der der gerufene Arzt nicht zu erreichen war, liess sich innerhalb von 5 Minuten lösen, wobei ein Nierenstein und eine Menge Harngriess abging. Die behandelnde Kollegin arbeitete nach meinen Angaben.

Durch die Anwendung dieser Behandlungsweise erweiterte sich die Methode. Die von mir entdeckten veränderten Zonen an der Körperoberfläche, von denen aus die einzelnen Organe beeinflusst werden konnten, fanden sich auch bei den Patienten.
Ich fand „Schmerzpunkte“, die umgangen werden mussten, weil der Reiz von dort aus auf das betreffende Organ zu stark war. Nachdem ich in dieser Weise für mich eine systematische Behandlungsmethode ausgebildet hatte, erfuhr ich, dass bereits der englische Arzt Head entsprechende Hautzonen beschrieben hat, die zu inneren Organen in Beziehung stehen.
Mit dieser Feststellung konnte die von mir analog gefundene Behandlungsmethode auf bekannte Grundlagen der Pathophysiologie gestellt werden.

1935 suchte ich Herrn Professor Veil (Jena) auf, um meine Arbeit in seiner Klinik und an seinen Patienten zu demonstrieren. Er erkannte den Wert der Methode und legte mir nahe, mich zur weiteren Auswertung an eine krankengymnastische Schule zu wenden.
Im Jahre 1938 wurde ich von Fräulein Dr. Leube, der jetzigen Leiterin der Krankengymnastikschule in Freiburg i. Br., aufgefordert, meine Behandlungsweise dort zu demonstrieren. Die Methode ist dann ein Jahr lang von Herrn Professor Kohlrausch, dem Leiter der Schule, und von Fräulein Dr. Leube klinisch überprüft worden. Meine Erfahrungen wurden bestätigt. Das Ergebnis dieser Arbeit wurde gemeinsam herausgegeben in dem Buch „Massage reflektorischer Zonen im Bindegewebe“. Aus der vorwiegenden Bearbeitung des Bindegewebes ergab sich der Name Bindegewebsmassage, der sich trotz der nicht vollständig exakten Ausdrucksweise praktisch eingebürgert hat.

(Elisabeth Dicke, „Meine Bindegewebsmassage“; 1953)

 

 

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